27/07/2017

Mathias Rasch und Josef Hirte
Wicked Cricket
Grillen-Snacks aus München

„Wenn sie einen glücklichen Tag haben, bekommen sie auch mal einen Apfel“

Timon und Pumba schwören schon seit Ewigkeiten darauf und Mathias und Josef jetzt auch: Entomophagie – das Essen von Insekten. Die beiden Münchener bieten seit kurzem geröstete Grillen-Snacks an.

PULS: Wie schmecken Grillen?

Josef: Eine einheitliche Antwort gibt’s da nicht. Viele sagen, dass es nach Popcorn schmeckt oder ein bisschen nussig. 

Wann habt ihr zum ersten Mal Insekten gegessen?

Josef: Bei mir ist das bestimmt schon so 12 bis 13 Jahre her, als ich in Thailand war. In Südostasien bekommt man das ja überall.

Mathias: Bei mir war das in Kolumbien. Da habe ich das erste Mal Ameisen gegessen. Es war was Neues, aber ich fand es nicht wirklich eklig. Wenn man sich mal damit beschäftigt, dann merkt man auch, dass der Ekel unbegründet ist. Das ist einfach ein kulturelles Problem. Der Unterschied zu einem Scampi oder zu einem Hummer ist eigentlich nicht groß.

Und wann seid ihr dann auf die Idee gekommen, selber Grillen anzubieten?

Josef: Mathias kam irgendwann mit so einem Paper von der Food and Agriculture Organization an. Die haben vorausgesagt, dass wir früher oder später auf Insekten zurückgreifen müssen, um die Welt zu ernähren.

Mathias: Dann haben wir uns an die Zucht gewagt. Im Keller haben wir das ausprobiert – zu Forschungszwecken sozusagen. Wir hatten einen Brutschrank, den wir aus Styropor gebaut haben und immer auf 30 Grad erhitzen mussten. Die Grillen brauchen immer eine beständige Temperatur. Wir haben die dann in Kisten gehalten, die wir mit Eierkartons ausgelegt haben. Da konnten sie es sich richtig schön bequem machen.

Josef: Das war echt aufwendig. Man musste jeden Tag vorbeischauen, sie füttern und das Wasser nachfüllen. Als dann die Kleinen gekommen sind, mussten wir schauen, dass sie nicht austrocknen, weil die super empfindlich sind. Dann haben wir auch geschaut, dass wir die Bio ernähren und haben denen immer Möhren und Haferflocken gegeben. Wenn sie einen glücklichen Tag hatten, dann haben sie auch mal einen Apfel bekommen.

Mathias: Das Züchten hat echt super gut funktioniert, aber irgendwann kamen wir dann vom Platz her an unsere Grenzen. Wir wussten auch, dass wir da unten im Keller die Vorschriften nicht einhalten können.

Woher wusstet ihr, welche Grillen schmecken?

Mathias: In der Zuchtzeit haben wir immer wieder ausprobiert, welche Insekten schmecken und was auf dem europäischen Markt möglich wäre. Da sind wir ziemlich schnell zu unseren Heimchen gekommen.

Josef: Wir wissen gar nicht unbedingt, dass sie besser schmecken als andere, aber wir wollten halt auch etwas möglichst Regionales. Wir wollten ein europäisches Tier anbieten, damit da nichts herumgeflogen werden muss.

Woher bekommt ihr eure Heimchen?

Mathias: Die Heimchen bekommen wir von einem holländischen Farmer, da es in Deutschland keine einzige Zucht für den menschlichen Verzehr gibt. Der bietet die Heimchen für uns sogar in Bio Qualität an. Er schickt sie uns gefriergetrocknet, wir rösten, würzen und verpacken sie. Dann kommt noch eine coole Banderole darum und fertig.

Josef: Wir haben eine Gewerbeküche, in der wir das machen. Das muss ja alles vom Gesundheitsamt überwacht werden. Wir haben Schürzen, ein Haarnetz und Gummihandschuhe an und rösten dann unsere Grillen.

Wie seid ihr auf die verschiedenen Geschmacksrichtungen gekommen?

Mathias: Da haben wir sehr lange getestet. Wir wollten ein Produkt, dass den Eigengeschmack der Grille ein bisschen hervorhebt und da haben wir uns für „Fleur de Sel“ entschieden. Unsere zweite Geschmacksrichtung ist „Allgäuer Wildkräuter“. Ich bin Allgäuer und heimatverbunden. Wir wollten dieses Exotische mit dem Heimischen verbinden. Dann haben wir uns noch was schärferes, fruchtigeres überlegt und kamen eher durch Zufall auf „Rosa Pfeffer“, der eigentlich gar kein Pfeffer ist, sondern eine Beere: die Schinusbeere, die meistens aus Brasilien kommt.

Wie wichtig ist euch Nachhaltigkeit?

Josef: Das ist der Hauptgrund, warum wir das machen. Wir finden es spannend, dass es eine alternative Nahrungs- und Proteinquelle gibt, die einfach noch nicht erschlossen ist, aber total viel Sinn macht. Wir haben jetzt kein Produkt, dass ein Steak ersetzen kann, weil der Preis von Insekten in Europa noch zu hoch ist. Aber es ist ein guter Start um den ersten Bezug dazu zu bekommen.

Mathias: Was uns grundsätzlich stört ist der unfassbare Konsum von Fleisch. Damit begehen wir einen Raub an der Natur, an den Ressourcen. Man sollte immer bewusst essen und sich darüber Gedanken machen, wie viele Ressourcen für das Produkt, was man gerade isst, verbraucht werden. Unser Produkt soll das widerspiegeln, gerade im Hinblick auf tierisches Protein. Wir sind immer froh, wenn jemand zu unserem Produkt greift und sich dadurch Gedanken um die Umwelt macht.

Wie wichtig ist euch der Bezug zu München?

Mathias: Viele haben zu uns gesagt, dass wir so etwas ausgefallenes auf jeden Fall nicht in München machen sollen, sondern lieber in Berlin. Das kam für uns aber gar nicht in Frage, weil wir erstens München lieben und zweitens auch finden, dass in München coole Leute wohnen, die offen für Neues sind, nicht so wie der Ruf manchmal so ist. Wir hatten bisher nur gute Erfahrungen und können eigentlich jedem empfehlen in München was zu starten. In München gibt’s eine super Start-Up-Szene. Wir haben zum Beispiel auch im Privaten so einen kleinen Start-Up-Stammtisch mit drei, vier anderen Unternehmen. Da tauschen wir uns einfach immer aus. Die Strukturen sind in München auf jeden Fall vorhanden und man kann sowas auch aus München heraus spreaden. Das ist vielleicht etwas schwieriger als in Berlin, aber auch schöner.

Mathias, du bist Lehrer und Josef, du bist Physiker. Wie kombiniert ihr Wicket Cricket mit euren Jobs?

Josef: Das ist schwer. So wie es jetzt ist, funktioniert es, aber wir können nicht davon leben. Wenn wir davon leben wollen würden, dann müssten wir bei unserem anderen Job krasse Einschnitte machen. Wenn man davon leben will, dann muss man es Vollzeit machen oder jemanden einstellen. Aktuell ist das für uns aber keine Option.

Was war bisher die größte Hürde, die ihr mit Wicked Cricket hattet?

Josef: Da gab es einige. Der erste Schock war, als wir unseren Onlineshop aufgemacht haben und eine Woche später einen Brief vom Anwalt hatten, das die AGBs nicht stimmen. Dann hatten wir einen Artikel in der Bild-Zeitung und danach kamen innerhalb einer Woche so viele Bestellungen, dass wir rund um die Uhr beschäftigt waren und erstmal Briefmarken und Päckchen kaufen mussten. Da haben wir ganz schön geschwitzt.

Ab dem ersten Januar 2018 gelten Insekten in der EU als Novel Food. Das bedeutet, dass ihr sie ab dann eigentlich nicht mehr produzieren dürft, bis sie umgehend geprüft wurden. Was ist euer Plan?

Josef: Wir hoffen, dass schon ein anderer Anbieter dabei ist, einen Zertifizierungsantrag mit Studien zu machen, der dann am 01. Januar 2018 beim Amt auf dem Schreibtisch liegt. Einen normalen Antrag können wir auch stellen, aber so ein Zertifizierungsantrag ist sehr teuer und zeitaufwendig. Das können wir nicht stemmen.

Mathias: Wir hoffen, dass es relativ zügig gehen wird, da einige Insekten, darunter auch das Heimchen, im Schnellverfahren untersucht werden sollen. Es kann aber auch sein, dass wir erstmal einen Produktionsstop haben werden. Das haben wir leider nicht in der Hand. Was aber momentan geplant ist, ist ein Zusammenschluss von Unternehmen, die Insekten anbieten. Vielleicht ist es einfacher als großer Interessenverbund etwas zu bewirken.


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