04/10/2015

Andreas Klingseisen und Jörg Rohwer-Kahlmann
VOR
Sneaker aus München

„Wir können hier Sachen machen, die woanders nicht gehen“

Der Sneakerhype der letzten Jahre hat beinahe unfassbare Ausmaße angenommen. Überall auf der Welt zelten Leute vor Schuhläden, um spezielle Modelle zu bekommen. Andi und Jörg aus München sind seit ihrer Kindheit Sneakerfans. Weil es irgendwann keine komplett weißen Sneaker mehr gab, sind sie auf die Idee gekommen, ihre eigenen Sneaker herzustellen. Dabei steht für sie vor allem eines im Vordergrund: handwerkliche Qualität. 

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icon_interviewPULS: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, selber Sneaker zu machen?

Jörg Rohwer-Kahlmann: Andi und ich sind schon seit der Schulzeit beste Freunde und mindestens genauso lange Sneaker-affin, auch bedingt durch unsere Leidenschaften Musik, Kleidung, Skaten und Basketball. Die Idee, irgendwann einmal ein eigenes Produkt zu kreieren war eigentlich schon immer da. Früher war das natürlich nur ein Jugendtraum. Realistischer wurde es dann nach meinem Produktdesign-Studium, als ich angefangen habe für Puma Schuhe zu entwerfen. Während dieser Zeit und auch danach als freier Footwear Designer, habe ich sehr viel Know-how gesammelt. Das gab uns dann eine wirklich solide Basis, um selbst richtig gute Schuhe machen zu können.

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Andi Klingseisen: Jörg war ja sowas wie das „Puma-Wunderkind“ und hat sehr viele erfolgreiche Schuhe für sie entworfen. Irgendwann war er dort aber nicht mehr glücklich. Ich hatte zu dem Zeitpunkt gerade ein eigenes Gym gegründet, war also unternehmerisch gut aufgestellt. Zu diesem Zeitpunkt haben wir dann gesagt: Okay, die Zeit ist reif, jetzt machen wir was Eigenes. Wir haben angefangen zu zeichnen, zu entwickeln und uns auf unseren ersten Style verständigt, den wir schon immer machen wollten. Von da an ging’s immer weiter.

Was waren die größten Hürden beim Aufziehen eures Unternehmens?

Andi: Am Anfang haben wir in Vietnam produziert – durch die Connections die Jörg aus seiner Zeit bei Puma hatte. Wir konnten in derselben Firma produzieren, in der zum Beispiel auch Nike oder Paul Smith ihre Schuhe herstellen lassen. Allerdings wirst Du als kleine Marke immer hinten angestellt. Unter anderem, weil wir zu der Zeit pro Sneaker gerade mal 500 Stück produzieren lassen wollten. Wenn dann Nike ankommt und z.B. eine Musterrunde machen möchte, werden „Kleinere“ wie VOR natürlich hinten angestellt. Deswegen konnten wir manchmal Deadlines nicht einhalten, was unternehmerisch natürlich die Hölle ist.

Am Anfang habt ihr die Schuhe in Vietnam fertigen lassen, wo lasst ihr sie jetzt machen?

Jörg: In Deutschland. Wir sind irgendwann an dem Punkt VOR 2-B Tiefschwarz_3angelangt, wo wir gesagt haben: Wir ziehen um und wagen den Neuaufbau. Außerdem war unsere Idealvorstellung – als deutsche Marke eine heimische Fertigung aufzubauen – schon von Beginn an sehr präsent. Nur leider bis dato aus vielen Gründen nicht möglich. Alle wichtigen Parameter kamen dann aber an diesem Punkt stimmig zusammen, um das zu starten.

Andi: Wenn das unser täglich Brot werden soll, dann muss man auch Händlertermine einhalten können. Also wollten wir einen Partner, auf den wir uns zu 100 Prozent verlassen können und den wir auch direkt an der Hand haben. Sprich: In Europa oder am besten in Deutschland. Über unser Netzwerk haben wir dann Kontakt zu einem Pirmasenser Unternehmer bekommen, der eine alte, insolvente Schuhmanufaktur in der Region gekauft hatte. Dem hab ich eine ziemlich „freche“ Mail geschrieben, etwas später saßen wir alle gemeinsam am Tisch und haben unsere zukünftige Zusammenarbeit beschlossen. Ihm hat auch gut gefallen, dass wir das Schuhhandwerk, in unserem Fall Sneakers, in Deutschland wieder mit etablieren wollten.

Bedeutet eine lokale Produktion automatisch einen höheren Preis? 

Andi: Ja. Die Lohnkosten sind in Deutschland um ein Vielfaches höher als in Asien.

Jörg: Auch viele der verwendeten Materialien im Schuh kosten in Deutschland viel mehr. Allerdings können wir hier, was das Material angeht, Dinge entwickeln und einsetzen, die so nicht überall möglich wären. Wir benutzen Premium-Materialien, legen viel Wert auf die Ausarbeitung und machen uns auch viele Gedanken über Funktionelles, also nicht nur Sichtbares am Schuh, wie z.B. das Innenleben – was man auf den ersten Blick nicht sieht. Unser Anspruch war schon immer mehr zu bieten als „nur“ ein schönes Äußeres. Wir sind ja meilenweit entfernt von einem Massenprodukt, die Schuhe werden sehr aufwendig in Handarbeit gefertigt. Und da in Deutschland die Arbeitszeit viel kostenintensiver ist, als in vielen anderen Ländern, kommt eben vor allem dadurch bedingt ein höherer Preis zustande.

Viele Firmen kreieren einen Hype um ihre Schuhe, indem sie limitierte Editionen mit bekannten Designern oder Stores rausbringen. Ist das auch euer Ding?

Jörg: Prinzipiell ist für uns ja jedes Modell das, was für andere eine limitierte Kollektion ist – weil wir ja kein Massenprodukt herstellen. An sich ist aber alles denkbar, es muss halt zum Produkt uVOR 1-B Trüffel_1nd zur Marke passen. Bis dato gab’s das noch nicht.

Andi: Wir bekommen tatsächlich immer wieder Anfragen von Firmen, bei denen wir allerdings den Synergieeffekt nicht sehen. Oft sind das Modefirmen, die halt keinen eigenen Sneaker im Repertoire haben und dann einen mit uns machen wollen. Aber die repräsentieren als Marke halt oft das Gegenteil von dem, was wir sein wollen. Wenn eine andere deutsche Firma herkommen würde, die auch in diese schöngeistige, handgemachte Richtung geht, dann könnten wir uns das schon vorstellen.

Wieviel von eurer Heimat München steckt in euren Sneakern?  

Andi:  Man könnte natürlich schon so weit gehen, dass man sich die deutschen Städte heranzieht und sagt: Wenn man Berlin als Epizentrum der Mode und Internationalität für Deutschland sieht, dann ist München halt das essentiell schöne, gemütliche, aufgeräumte, konservative. Geradlinig und schnörkellos, ohne etwas sein zu wollen, was es nicht ist. Wie unsere Schuhe, die haben wir auch einfach auf die Essenz reduziert.

Sorry, zur entsprechenden Suchanfrage konnte leider kein Ergebnis gefunden werden.