27/08/2018

The URA Collective - Nachhaltige Mode aus Resten

Nadine Wagner, Nicolas Behn, Florian Breitenberger

Es ist ein echtes Herzensprojekt. Nachhaltigkeit steht ganz oben.“

Mode aus Resten – das macht das junge Modelabel „The URA Collective“ aus Germering. Nachhaltigkeit steht für die drei Gründer Nadine, Nicolas und Florian an erster Stelle. Im Interview erzählen sie, wie sie die Nachhaltigkeit ihrer Mode sicherstellen und was die Wiesn mit ihrem Label zu tun hat.

 

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PULS: Was macht eure Kleidungsstücke so nachhaltig?

Nadine: Wir verwenden nur Reststoffe. Das heißt für uns wird nichts neu produziert, wir nehmen vorhandene Stoffe, die bei anderen Produktionen übrigbleiben. Natürlich beeinflusst das auch unseren Designprozess, weil wir dadurch farbtechnisch ein bisschen eingeschränkt sind. Aber so sind auch alle unsere Sachen Unikate, weil wenn uns ein Stoff ausgeht, dann ist er weg. Es wird nichts extra für uns nachproduziert.

Nachhaltig sind wir auch, weil wir Biobaumwolle und Hanf in unseren T-Shirts verwenden. Hanf ist im Anbau wirklich super nachhaltig: Er braucht weniger Wasser, weil die Wurzeln lang sind. Er braucht weniger Pestizide oder gar keine, weil es so eine starke, unkrautartige Pflanze ist. Die Hanffaser an sich ist eine stabile, langanhaltende Faser, die nicht so schnell kaputtgeht. So hat man unsere T-Shirts nicht nur zwei, drei Mal an und dann ist ein Loch drin, sondern sie sind so konzipiert, dass sie ein Lieblingsstück werden können.

Nick: Ich trage immer noch die ersten Samples und die Firmengründung ist schon mehr als zwei Jahre her. Bei Hanf denken viele direkt an Drogen oder an kratzige Öko-Looks. Industriell ist es auch schwieriger und teurer aus Hanf eine Faser zu machen, als aus Polyester oder Baumwolle.  Hanffaser hat viele weitere Eigenschaften: zum Beispiel nimmt sie Wasser sehr schnell auf, dadurch wirkt sie kühlend, trocknet aber gleichzeitig sehr schnell. Zusätzlich ist sie von Haus aus antibakteriell und hat einen UV-Schutz – wir haben sie die natürliche Superfaser genannt.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen T-Shirts zu machen?

Nadine: Der Nick ist damals auf mich zugekommen, weil er gelangweilt davon war für Logoshirts viel Geld auszugeben und dann auch noch für irgendwelche Marken Werbung zu laufen. Er wollte gerne seine eigenen T-Shirts und hatte ein paar Ideen für Brusttaschen und so, um das Logo-Thema zu umgehen und es ein bisschen anders zu machen. Mit ein paar Blankoshirts und alten Fußballshirts, die wir ein bisschen zerschnitten haben, haben wir dann seine ersten T-Shirts gemacht. Es war gar nicht der Plan das groß aufzuziehen.

Nick: Dann sind Freunde auf uns zugekommen und haben gesagt sie hätten auch gern ein T-Shirt, also haben wir mehrere gemacht. Die waren auch relativ schnell weg, wurden uns alle abgekauft. Da haben wir uns gedacht, dass wir das Ganze ein bisschen größer machen und eine Firma daraus starten sollten. Genauso hat‘s angefangen. Und dann sind wir auf die Suche nach möglichen Produzenten gegangen – und die war ziemlich schwierig.

Wie kamt ihr dann zu dem Produzenten?

Nick: Der Produzent ist der Herr Ding, kommt aus China und ich habe den auf der Wiesn getroffen (lacht). Mein Dad arbeitet auch in der Modebranche. Nachdem ich mit der Firma von meinem Dad relativ gut befreundet bin und auch den Geschäftsführer kenne, haben sie mich zu ihrem Wiesn-Tisch eingeladen. Und da war dieser Produzent dabei. Ich saß neben ihm, habe mit ihm geredet und ihm auch von unserer Idee, beziehungsweise von unserem Problem, dass wir nach einem Produzenten suchen, erzählt. Er fand die Idee cool, weil er gerade ein neues Lager aufgebaut hat, wo er seine Reststoffe lagern kann. Die meisten Produzenten machen das nicht, weil es zu teuer oder viel zu aufwändig ist. Meistens werden die Reststoffe verbrannt oder weggeschmissen. Wir kriegen die Reststoffe von ihm und er produziert auch die T-Shirts für uns.

Nadine, du hast Modedesign studiert – war ein eigenes Label schon immer dein Plan? 

Nadine: Nein. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mein eigenes Label zu gründen. Aber für mich ist es eigentlich genau das Richtige, weil unsere T-Shirts von diesem Wegwerf-Trend  weggehen. Es knüpft wirklich da an, wo ich mit der normalen Fashionwelt am Verzweifeln war, wo ich nicht meinen Platz gefunden habe. Deswegen bin ich ganz happy mit dem was wir da aufgebaut haben, weil es für mich in die richtige Richtung geht. Da sehe ich meine Zukunft in der Modewelt: Als Designerin Dinge nachhaltig zu designen, Lieblingsstücke zu designen, dieses „buy less, choose well“ zu verfolgen.

Nachhaltigkeit ist euch ja sehr wichtig…

Nick: Nachhaltigkeit ist uns wirklich wichtig, weil die Textilindustrie mittlerweile zu einer der umweltschädlichsten Industrien geworden ist. Durch Massenproduktionen, durch Hin- und Herschiffen, dadurch, dass Leute im Durchschnitt laut Studien T-Shirts und Hosen nur noch siebenmal tragen, bevor sie entweder weggeschmissen werden, weil sie kaputt sind oder im Kleiderschrank einfach untergehen. Wir wollen, dass Leute wieder ein bisschen wertschätzen, was hinter einem T-Shirt steht. Wenn man ein T-Shirt bekommt, das günstiger ist als ein Longdrink in einer Bar, dann denken sich die Leute – „Kauf ich mir halt ein Neues wenn es kaputt ist“. Wir wollen, dass die Leute, die unser T-Shirt kaufen, dieses T-Shirt wirklich wollen, dass ihnen das Design gefällt und sie es lange tragen. Wir haben auch keine Saisonen, denn man muss nicht jeden Sommer ein neues T-Shirt kaufen: lieber weniger, aber dafür hochqualitative T-Shirts. Es wird auch oft vergessen, dass hinter der Textilwirtschaft eine komplette Agrarwirtschaft steht. Kleidung oder die Faser dafür wächst nicht auf dem Baum. Es braucht viele Arbeitsschritte, bis eine Faser zusammengestrickt werden kann, die bei einem T-Shirt-Preis von fünf bis zehn Euro unmöglich abgedeckt werden können. Irgendeiner in dieser Wertschöpfungskette leidet darunter. Wir wollen nicht als Oberlehrer dastehen, aber wir möchten einen Gedankenanstoß liefern. Es ist ein echtes Herzensprojekt und Nachhaltigkeit steht ganz oben.

Nadine: Auch wenn viele ein Vorurteil gegenüber China haben, unsere Produktion dort entspricht nicht dem Klischee.  Wir waren vergangenes Jahr selbst dort und haben uns davon überzeugt. Der Herr Ding ist ein sehr zukunftsorientierter Mann und was Nachhaltigkeit angeht vorne dabei. Seine Produktionsstätten werden mit Solarenergie betrieben. Er kontrolliert alles vom angepflanzten Hanf bis zum fertigen Kleidungsstück selbst und behandelt seine Mitarbeiter gut. In der Produktionsstätte wird im Innenhof angebaut, was die Mitarbeiter dann mittags gekocht bekommen.

Was war auf eurer Macherreise die größte Hürde?

Nick: Im Prinzip ist alles eine Hürde: Wie nennen wir uns, wie schaut das Logo aus, wie bekommen wir die Sachen aus China hierher, welche Bank nehmen wir. Das ist alles besonders schwer, wenn man wirklich alles selbst macht, ein geringes Budget hat und das alles aus der eigenen Tasche zahlt. Das sind viele Kleinigkeiten, die man Anfang nicht bedenkt, weil man es vorher noch nie gemacht hat.

Und was war dann der schönste Moment?

Nadine: Ich kann mich noch erinnern, wie es war als wir die ersten Sample-Shirts bekommen haben, beziehungsweise die ersten Shirts auf denen auch unser Logo drauf war. Das war schon ein großer Moment: Es war unsere Idee und das dann in der Hand zu halten und anfassen zu können, das war cool.

Nick: Für mich war der größte Erfolgsmoment, als wir T-Shirts an Leute verkauft haben, die wir nicht kennen, also keine Freunde oder Verwandten. Wir haben es geschafft so weit zu kommen, dass Leute von uns gehört haben, ihnen unsere Shirts gefallen und sie sie sogar kaufen. Darüber freue ich mich jetzt immer noch.

Wie soll es bei euch weitergehen – was wäre euer größtes Ziel?

Nick: Man sagt ja immer mehr verkaufen oder wachsen, aber das ist es nicht. Das wäre genau das, was wir nicht wollen: Mehr verkaufen, weil dann wären wir wieder wie jedes andere Label. Für mich ist der größte Erfolg, wenn noch mehr Leute ihren Klamottenkonsum hinterfragen und dadurch auf Firmen, wie uns kommen. Das heißt nicht, dass man jetzt von heute auf morgen sein gekauftes Zeug rausschmeißen muss und nur noch nachhaltige Sachen kaufen soll, sondern einfach nur drüber nachdenken: Brauche ich dieses neue T-Shirt, nur weil es in irgendeinem Magazin drinstand oder will ich wirklich dieses T-Shirt haben und trage es mindestens für ein, zwei Jahre. Das ist mir persönlich am Wichtigsten. Wenn sie das wieder zurückführen auf uns, unsere T-Shirts und unser Konzept, und sagen, das hat mir die Augen geöffnet, dann bin ich happy.

Welchen Rat würdet ihr anderen jungen Machern geben?

Nick: Am Anfang ist Durchhaltevermögen am wichtigsten. Auch wenn einem die Idee noch so gut vorkommt und noch so individuell, muss man sich von Anfang an bewusst sein, dass man in den nächsten drei bis fünf Jahren höchst wahrscheinlich nicht wirklich davon leben kann. Man muss sich bewusst sein, dass es schwierig ist, direkt von Anfang an durchzustarten. Es sind so viele Kleinigkeiten, mit denn man sich davor nicht beschäftigt hat, auf die man gar nicht kommt und nicht vorbereitet ist, sondern sich erst reinlesen muss und das dauert einfach seine Zeit. Man muss Passion haben für das was man macht und zu 100 Prozent hinter dem Produkt stehen. Mein Rat: Sitzfleisch brauchts auf jeden Fall. Alles andere kommt dann schon, da wurschtelt man sich nei.

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