04/10/2015

Bene Heimstädt
Pleasure
Snowboard Magazin aus München

„Pleasure ist auch in Anlehnung an ein ziemlich schlechtes Tittenmagazin entstanden“

Pleasure ist DAS deutsche Snowboardmagazin überhaupt. Mit sinnbefreiten Texten und Punk-Attitüde haben die Münchner Ende der Neunziger die Snowboardszene umgekrempelt. Aber mittlerweile haben sich der Printmarkt und der Sport sehr verändert.

Bene Heimstädt

icon_interviewPULS: Wie seid ihr damals 1996 auf die Idee gekommen, ein Snowboard-Magazin zu gründen? An sowas denkt man ja auch nicht jeden Tag.

Bene Heimstädt: Wir waren damals ganz normale Snowboarder und hauptsächlich im Alpenraum, also in Tirol plsr115_frontcoverund im oberbayerischen Raum unterwegs. Wir haben uns immer ein bisschen über die Snowboard-Magazine geärgert, weil da nie etwas über unsere Heimatberge drin gestanden war. Dann haben wir gesagt: Gut, dann machen wir halt selber ein Magazin. Damals waren wir viel auf Punkkonzerten unterwegs, wo diese Copy-Style-Fanzines verteilt wurden. So wollten wir das ursprünglich auch machen, für eine regionale Zielgruppe zwischen Garmisch und Berchtesgarden.

Was wolltet ihr in dem Magazin anders machen?
Wir waren damals alle Anfang 20, die anderen Magazine waren uns einfach zu weit weg von dem, was wir wirklich gemacht haben. Diese ganzen cleanen Geschichten über Spots in Alaska und Amerika, das hat uns nicht gepackt, das war alles so angepasst. Wir wollten da ein bisschen Rebellion reinbringen, alles ein bisschen rougher machen.

Und wie habt ihr dann angefangen?

Wir haben erst einfach mal Inhalte zusammengetragen. Was uns allerdings noch gefehlt hat, waren die 400 D-Mark Kopierkosten. Also haben wir einfach mal den damals größten Snowboard-Hersteller angerufen. Der Marketingmensch meinte zu uns: Hört sich super an, mach mal ein Konzept. Hatten wir natürlich nicht. Also hab ich schnell irgendwas in eine der ersten E-Mails überhaupt Pleasure Magreingeschrieben und verschickt. Zwei Tage später hat er angerufen und gesagt: Wir sind dabei und nehmen die erste Doppelseite. Bloß nicht nur für 400 Mark – sondern für 4000! Und so ist das weitergegangen, bis wir gesagt haben: Okay, dann machen wir halt kein Copy-Magazin, das wir selber zusammentackern, sondern alles ein bisschen ernsthafter. Und so sind wir im Februar 1997 auf der ISPO rumgelaufen und haben die erste Ausgabe mit 64 Seiten verschenkt. Peu a peu haben wir uns dann die Kenntnisse angeeignet.

Man hat schnell gesehen, dass ihr das ganze Business nicht so ernst genommen habt. Es gab jede Menge sinnbefreite Texte unter den Bildern – wart ihr da völlig frei?

Für uns war es immer wichtig eine Perspektive auf das Snowboarden zu haben und nicht nur vom Inneren heraus zu berichten. Wir haben zum Beispiel mal trotz finanzieller Probleme eine Nike-Werbekampagne abgelehnt, weil die Skifahrer bei uns abbilden wollten. In einem Snowboard-Magazin! Das hat die Agentur überhaupt nicht verstanden und uns einen riesigen Batzen Geld nicht gegeben, den wir unbedingt gebraucht hätten. Wir hätten das nie machen können, wenn wir bei einem Verlag gewesen wären.

So ein Magazin rauszubringen ist ja nicht einfach, was waren da die größten Hürden?

Die erste große Hürde war natürlich das Finanzielle. Aber wir hatten Glück. Wir haben uns zum Beispiel alle bei einem Job als Lagerarbeiter bei einer angesagten Surfmarke kennen Pleasure Maggelernt. Der Chef der Firma fand uns ziemlich gut und hatte nebenbei tatsächlich noch eine Druckerei-Agentur. Über die hatten wir dann Zugang zu Druckereien und auch Anzeigenkunden. Das hat uns wahnsinnig geholfen, um Know-how aufzubauen. Das Internet stand damals ja gerade mal in den Anfängen, es gab nicht mal PDFs oder sowas. Da musste man noch viel mehr technische Hürden überwinden, um ein Magazin überhaupt drucken zu können. Genau wie die betriebswirtschaftliche Seite: Als da die erste Steuer kam, saßen wir vor unseren Kontoauszügen und sind verzweifelt. Aber mit viel Schmerz haben wir uns durchgewunden und ab 2000 ist das Ganze dann gelaufen.

Ihr seid ja immer noch ziemlich nah an der Snowboard-Szene dran und habt auch immer explizite Geschichten aus dem Snowboarder-Leben erzählt, sprich: Suff-, Kotz- und Rummachgeschichten der Profis. Gab’s da nie Ärger?

Doch klar. Das hieß damals bei uns einfach „Der Gossip“: drei Doppelseiten, die wahnsinnig beliebt waren. In den Boom-Zeiten haben halt viele so ein Pseudo-Rockstar-Leben geführt. Das war damals auch ein bisschen der Markenkern. Da hat dann schon mal wer angerufen und gesagt, dass das echt Scheiße war, dass dieses oder jenes Bild drin war. Weil er eigentlich daheim noch eine Freundin hatte… Dann haben wir schon ein bisschen mehr aufgepasst. Der Name „Pleasure“ ist ja auch in Anlehnung an ein ziemlich schlechtes Tittenmagazin entstanden. Seit grob zwei Jahren gibt es die Rubrik aber nicht mehr. Unsere Zielgruppe ist ja auch älter geworden und irgendwelche Hühnerbrüste locken dich halt nicht mehr, wenn du schon im Leben stehst.

In den letzten zehn Jahren haben ja immer mehr Magazine auf online umgestellt, weil es auch immer weniger Printanzeigen gibt. Wie trifft euch diese Entwicklung?

Die trifft uns natürlich genauso wie alle anderen auch. Print kann heutzutage als Informationsmedium und Massenträger Pleasure Magnicht mehr dieselben Aufgaben erfüllen wie vor der Digitalisierung. Dadurch waren wir natürlich auch gezwungen, uns inhaltliche Gedanken zu machen: Wie können wir unsere Zielgruppe zufriedenstellen und gleichzeitig unsere Anzeigenkunden halten? Wir sind kein Massenmedium, sondern bedienen eine kleine Gruppe. Das macht das Ganze auf der Finanzierungsseite natürlich schwierig. Aber das Problem haben alle.

Das ist ja nicht das einzige Problem: Der Snowboard-Hype lässt schon seit Jahren nach. Gibt’s bei euch sowas wie Zukunftsängste?

Es ist glaub ich ziemlich normal, dass man sich Gedanken darüber macht, ob das System, mit dem man Jahre lang gut
gefahren ist, noch unendlich verlängerbar ist. Das ist es nämlich wahrscheinlich nicht. Snowboarder sind kulturell keine klar definierte Gruppe mehr. Da kann man kein Magazin mehr machen, das inhaltlich so wie am Anfang Pleasure Magausgelegt war, mit einer Zielgruppe von 16 bis 24. Man muss sich ständig neu erfinden und schauen, wo man seine Leser findet und ob man das mit den Geldern, die man einnimmt und den Absatzzahlen noch aufrecht erhalten kann. Bei uns geht das zum Glück noch, aber das Magazin machen wir jetzt für Leute über 25, die Snowboarden als Alltagsflucht sehen und das nicht mehr machen, weil sie cool sein wollen. Die Herausforderung, 2016 ein Printmagazin herauszubringen, ist anders als früher – aber macht immer noch sehr viel Spaß.

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