20/10/2015

Florian Lehmann und Bene Mayr
Melt
Ski aus Oberfranken

„Ach übrigens, der Markt, in den wir reingehen, ist eigentlich kaputt!“

"Wachsen ist Schnee von gestern!", sagen die Jungs von MELT und benutzen für ihre Ski einen neuen Belag, der die ganze Branche revolutionieren könnte. Kein ganz einfaches Unterfangen - aber es geht auch nicht darum, "möglichst unverletzt im Grab anzukommen".

melt-crew

icon_interviewPULS: Warum muss man eure Ski nicht wachsen?

Florian Lehmann: Durchs Wachsen will man den Ski an verschiedene Bedingungen anpassen. Unser Belag ist aus thermoplastischem Material, das sich selbst der Schneetemperatur anpasst. Außerdem wird der Belag nicht spröde mit der Zeit, wie ein herkömmlicher Belag. Man muss sich Ski Wachsen vorstellen wie Eincremen: Wenn ich meine Haut nicht eincreme, wird sie spröde. Unser Belag wird aber nicht spröde, trotzdem könnte man auch ihn, wenn man unbedingt will, durchs Wachsen in der Performance nach oben drücken – aber der normale Skifahrer braucht das eigentlich nicht.

Klingt super. Warum seid ihr dann bislang die Einzigen, die den Belag verwenden?

Florian: Vielleicht weil sich auch große, alteingesessene Firmen manchmal nicht so schnell an neue Sachen herantrauen. Es gibt eingefahrene Strukturen in der Skibranche. Wir waren die Ersten, die den Belag getestet und gesagt haben: „Wahnsinn, das ist nicht nur ein Gerede von einem Ingenieur, sondern es funktioniert! Dann machen wir das halt, wenn kein anderer will.“

Melt Ski - Bene MayrBene Mayr: Große Skifirmen werden oft vom Handel mitbestimmt. Und mit dem Skiservice generiert der Handel viel Umsatz. Unseren Ski muss man nicht mehr zum Service bringen. Wenn eine große Skifirma diesen Belag also hätte, würde der Handel vielleicht sagen: Den Ski nehmen wir nicht ins Sortiment auf, weil wir dann am Service nichts verdienen können. Deswegen vertreiben wir unsere Ski im Internet auch direkt an den Endverbraucher.


Florian:
Wir hoffen allerdings, dass irgendwann die Skibranche aufspringt, weil der Belag recyclingfähig ist und deutlich nachhaltiger und umweltschonender in seiner Herstellung. Es wäre schön, wenn da ein komplettes Umdenken stattfinden würde.

Wie kam es dazu, dass ihr zu dritt eine Skifirma gegründet habt?

Florian: Ich habe früher für einen Helmkamerahersteller gearbeitet, der verschiedene Skiprojekte gesponsort hat, unter anderem das „Nine Knights“, bei dem Bene mitgefahren ist. Während des Events habe ich auch zum ersten Mal von dem Belag gehört und fand das Thema unglaublich interessant. Als ich dann irgendwann das Gefühl hatte, dass ich mein eigenes Ding machen muss, habe ich den Hörer in die Hand genommen, Bene angerufen und ihm erzählt, was ich vorhabe. Bene hat gesagt: Geile Idee, dann haben wir uns hingesetzt, überlegt wie wir das hinkriegen können und uns die anderen Leute zusammengesucht.

Wie habt ihr eure Ski entwickelt?  

Florian: Wir haben uns gemeinsam mit einem erfahrenen Melt SkiSkikonstrukteur Formen herausgesucht, von denen wir wussten, dass sie funktionieren. Aber der Hauptteil der Entwicklung ist nicht die Taillierung, sondern die Abstimmung des Skis: Wie weich, wie hart soll er wo sein, Rocker oder Camber. Wir haben also jede Menge Ski produziert, sie Bene nach Alaska mitgegeben und sind mit ihnen auf den Gletscher gefahren. Erst als wir überzeugt waren, dass der Ski so funktioniert und den Kunden überzeugt, haben wir in der Fabrik angerufen und gesagt: Wir wissen jetzt was wir haben wollen.

Wie lange hat es gedauert von der Idee bis zur Realisierung?

Florian: Wir waren relativ schnell und haben nur knapp ein Jahr dafür gebraucht. Viele werden sich denken: bisschen Homepage machen, Ski zusammen nageln und los geht’s. Aber so eine Skientwicklung dauert eigentlich relativ lang. Wir haben ganz schön aufs Gas gedrückt und uns gequält. Man sollte auf jeden Fall für jedes Projekt, das man startet, ein bisschen mehr Zeit einkalkulieren – weil es kommen hundert Stolpersteine auf dem Weg.

Welche waren das in dem Fall?

Florian: Natürlich die Bürokratie. Wir haben das Unternehmen als eine GmbH gegründet, das ist schon etwas komplizierter. Das andere ist natürlich die Finanzierung. Wir haben uns ja nicht über Kickstarter finanziert oder gesagt: wir machen jetzt mal zehn Ski, verkaufen die und wenn wir damit Geld bekommen, machen wir die nächsten. Das funktioniert nicht. Man muss mit einer Firma eine gewisse Menge an Ski produzieren lassen, um das überhaupt machen zu können. Das heißt, man braucht Geld, bevor man etwas verkauft hat. Das hatte aber keiner von uns auf dem Sparbuch liegen. Mit so einer verrückten Idee auf Investorensuche zu gehen ist auch keine gute Idee, also blieb nur der Gang zur Bank. „Ich hätte gerne Geld, um in einem Melt Ski - Bene MayrMarkt etwas aufzuziehen. Ach übrigens, der Markt in den wir reingehen, ist eigentlich kaputt!“ Aber wir hatten viel Glück mit einer Sachbearbeiterin, die Feuer und Flamme für das Projekt war. Ich glaube viele Projekte scheitern daran, dass der Finanzbedarf unterschätzt wird. Für jeden normalen Menschen sind 40.000 Euro viel Geld, aber wenn ich damit ein Unternehmen gründen will, ist das nichts. Das ist sofort weg. Also muss man mit deutlich höheren Summen rechnen – und welche Bank gibt einem die gerne, wenn man nichts an Sicherheiten dagegen legen kann, sondern nur meint, eine gute Idee zu haben.

Ihr sagt: Der Mark ist kaputt, der Skiindustrie geht’s nicht gerade blendend – warum eigentlich?

Bene: Da gibt’s viele Gründe: Die Leute sparen mehr, fahren nicht so viel in den Urlaub und die letzten Winter waren nicht so prickelnd. Außerdem ist das Leihgeschäft in den Skigebieten sehr groß. Die Leute kaufen sich keine komplette Ausrüstung mehr und fahren dann drei Jahre lang denselben Ski. Sie leihen sich lieber welche aus und haben dann jedes Jahr neue, aktuelle und perfekte Ski. Aber ich glaube, dass kann sich schnell ändern, wenn ein guter Winter kommt. Es war schon immer so, dass es in der Skiindustrie auf und ab ging. Es ist einfach ein wetterbedingter Sport – und wenn das Wetter stimmt, dann stimmen am Ende des Jahres auch die Zahlen.

Florian, hast du noch einen sicheren Brot-Job, der die Miete zahlt?

Florian: Nein, habe ich nicht. Als ich mich dafür entschieden habe, war für mich klar: Wenn du das machst, musst du es richtig machen. Ich wusste, wenn wir den Leuten gute Ski anbieten wollen, müssen wir uns alle voll reinknien. Deswegen habe ich gekündigt, obwohl ich zwei Kinder und

Melt Ski - Bene Mayr

eine Frau habe. Die Sache ist schon riskant, aber auf der anderen Seite haben wir nur dieses eine Leben. Hunter S. Thompson hat den Spruch geprägt, dass es nicht darum geht, irgendwann möglichst unverletzt im Grab anzukommen, sondern dass wir möglichst ausgewrungen sein müssen und schreien: Juhu, das war ein geiler Ritt. Ich glaube, das sollte man zumindest einmal probiert haben und wenn es schief geht, fängt man halt wieder von vorne an.

Wie waren die Reaktionen darauf, dass ihr euch in einer schwierigen Branche selbstständig macht?

Bene: Ich glaube, dass viele denken, dass wir bekloppt sind. Ich hätte auch zu einer großen Skifirma gehen und dort einen Vertrag unterschreiben können. Aber die Idee ist so verrückt, in einer Zeit, in der es einer Industrie schlecht geht, eine eigene Firma zu gründen – dass es einfach funktionieren muss. Wir sind eine kleine Firma, wir müssen nicht 50.000 Paar Ski verkaufen, dass es uns gut geht. Das ist unser Vorteil.

Florian: Mich hat jeder angeschaut und gesagt: Bist du verrückt? Ich war in der Mountainbike-Branche tätig, die unglaublich stark wächst. Ich bin aus einem sicheren Job im am stärksten wachsenden Actionsport rausgegangen, um mich in einem Bereich selbstständig zu machen, der sehr harte Jahre durchlebt hat. Aber gerade wenn so eine Branche am Boden liegt, ist es vielleicht Zeit für was Neues. Vielleicht sind wir der kleine Funke, der das Ganze wieder anschiebt – vielleicht aber auch nicht.

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