04/10/2015

Thomas Hieber (35), Antonia Reidel (29), Benjamin Bauer (30)
Lirdy
App zum Fotos-Teilen aus Bamberg

„Man sollte das nie tun, um reich zu werden.“

Egal ob Geburtstag, Hochzeit oder Uni-Party: Immer schießen Leute einen Haufen Fotos. Problem: wie kommt man anschließend an die Bilder der anderen ran? Ein kleines Team aus Bamberg hat eine App entwickelt, mit der man ganz einfach die Fotos aller Anwesenden in einem Album zusammenzubringen kann.


lirdy_team

icon_interviewPULS: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine Fotoalbum-App zu entwickeln?

Thomas Hieber: Wir hatten im Informatikstudium ein Projekt an der Uni, für das drei Kommilitonen und ich nach Anwendungsfällen gesucht haben. Schnell war klar, dass es was mit Fotografie zu tun haben sollte. Der entscheidende Input kam dann vom Dozenten, der kurz davor auf einer Hochzeit war und gerne die Fotos gehabt hätte, die andere Gäste gemacht haben. Aber die kannte er nicht. Das hat ihn sehr geärgert. Daraus haben wir ein Projekt entwickelt. Weil das aber mitten im Studium war, ist das Projekt aber kurz darauf wieder eingeschlafen. Erst als ich wegen meiner Masterarbeit wieder mit demselben Dozenten zusammensaß, bin ich darauf gekommen, das Projekt fertig zu machen und gleich in eine Richtung zu führen, von der aus man weitermachen kann.

Was waren dann die ersten Schritte?

Nach meiner Masterarbeit war klar, dass wir finanziell nicht die Möglichkeiten haben, sofort ein Unternehmen aus dem Boden zu stampfen. Einem aus dem damaligen Gründerteam ist dann eingefallen, dass es auch Fördermöglichkeiten in Bayern und vom Bund gibt. Da haben wir uns einfach mal beworben, unabhängig davon hat aber jeder erstmal seine normale Zukunftsplanung weitergeführt, einer von uns hatte auch schon eine Jobzusage. Im Juli 2011 war dann absehbar, dass wir die Förderung bekommen. Wir hatten also erstmal genug Geld, um uns ein Jahr lang zu versorgen. Mein Kollege hat seinen Job wieder gekündigt und wir konnten loslegen. Für mich war das ein bisschen einfacher, weil ich nur als Freelancer gearbeitet habe.

Wenn man öffentlich gefördert wird, steht man dann auch stärker unter Druck?

lirdy_websiteDer Bund hat die Förderung glücklicherweise so angelegt, dass man das Geld nicht zurückzahlen muss. Wir konnten uns wirklich ein Jahr lang darauf konzentrieren, unser Produkt zu erforschen, voranzutreiben und die Firma auf die Beine zu stellen. Einen gewissen Druck gibt es schon, weil am Ende der Förderung ein ausgearbeiteter Businessplan vorliegen muss. Den braucht man aber sowieso, wenn man eine Firma starten will.

Die Weiterentwicklung der App habt ihr aber dann gecrowdfundet…

Wir haben das Crowdfunding tatsächlich zu einem Zeitpunkt gestartet, an dem wir eigentlich schon alles hatten, also eine funktionierende App. Die war zwar noch nicht auf einem Level, dass alle Leute vor uns auf die Knie gefallen wären, aber es hat alles funktioniert. Das Crowdfunding haben wir nur gemacht, um weiter wachsen zu können. Nach dem Auslaufen des ersten Stipendiums haben wir noch ein zweites bekommen. Da haben wir aber langsam gemerkt, dass wir jetzt deutlich mehr Geld brauchen als vorher, um den nötigen Schub zu bekommen. Also haben wir uns per Crowdfunding darum gekümmert.

Lirdy ist ja ziemlich erfolgreich, obwohl es viele ähnliche Apps gibt. Was macht eure App besser?

Ich glaube dass wir fast die ersten gewesen sind, die gesagt haben: Uns ist es extrem wichtig, was mit den Fotos genau passiert. Wir haben unser Geschäftsmodell immer darauf aufgebaut, dass wir nicht das machen, was alle anderen tun – nämlich die Rechte an den Fotos verkaufen oder für irgendetwas anderes missbrauchen. Wenn man das Feedback betrachtet ist es genau das, was den Leuten am besten gefällt. Zusätzlich haben wir noch jede Menge Features zur Verfügung gestellt, die das Problem lösen: Was passiert, wenn viele Leute auf einem Haufen sind, die sich nicht zwangsläufig kennen, aber gerne relativ unproblematisch Fotos austauschen möchten. Und zwar irgendwann, wenn sie nicht mehr in einem Raum sind.

Wenn ihr die Bildrechte nicht bei den Usern lassen würdet, könntet ihr doch sicherlich viel mehr Kohle machen?

Das ist richtig. Aber als wir angefangen haben, hat bei uns invitation_examplejeder im Team gesagt, dass wir niemals diesen Weg gehen wollen. Auch wenn es unrealistisch ist, überlegt man sich ja auch mal, was passiert, wenn Facebook oder Google an die Tür klopfen sollten. Da haben wir von Anfang an gesagt, dass das mit unserem Geschäftsmodell nicht vereinbar ist. Wir sind überzeugt davon, dass man auch ein Geschäftsmodell aufbauen kann, ohne die Rechte von Nutzern an einem digitalen Gegenstand zu verkaufen – auch wenn das weniger Einnahmen bedeutet.

Wird Lirdy überwiegend im deutschen Raum benutzt?

Hauptanwendungsgebiet ist Deutschland, aber der nächstgrößere Raum ist schon Nordamerika. Das macht bei uns grob zwölf Prozent der Nutzer aus, ohne dass wir da Marketing oder irgendwas gemacht hätten. Wir nehmen das halt momentan mit, auch wenn wir manchmal das Problem haben, dass hier bei uns nachts irgendwelche Wartungsjobs laufen und die amerikanischen Nutzer sich dann beschweren, dass es bei ihnen mittags langsam läuft oder ruckelt. Das sind Sachen, die wir irgendwann auch mal angehen müssen, aber aktuell ist es für uns ein Zustand, mit dem wir leben können.

Gab es sonst noch Schwierigkeiten auf eurem Weg?

Wir mussten feststellen, dass es in Deutschland extrem schwierig ist, Leute von einem Geschäftsmodell zu überzeugen, das eigentlich in der ersten und zweiten Phase nur auf Wachstum aus ist. Wir verdienen ja noch nicht wirklich Geld mit Lirdy. Das kommt erst, wenn wir groß genug geworden sind. Wir mussten jetzt unser Team wieder verkleinern und können das Ganze nur nebenbei betreiben, weil wir ja alle von irgendwas leben müssen. Deswegen beschränken wir momentan die Arbeit auf die Verwaltung des Status Quo und die Suche nach größeren Finanzierungspartnern oder Förderungen, so dass wir das Team wieder auf eine Größe bekommen, mit der wir voll durchstarten können. Daran gemessen läuft es eigentlich sehr gut, wir würden aber gerne viel mehr machen.

Hast du irgendwelche Tipps für junge Gründer, die eine App entwickeln wollen?

Es lohnt sich immer etwas zu starten, weil es eine extrem spannende Aufgabe ist und man sehr viel lernen kann. Man sollte das allerdings nie tun, um reich zu werden. Diese Blase kann sehr schnell platzen. Und man sollte immer primär auf das hören, was man selber über die Firma denkt, nicht was andere einem sagen. Es wird sehr schnell passieren, dass viele mitreden wollen. Deswegen sollte man sich sehr schnell mit seinem Team klar darüber sein, was man möchte und das muss man dann auch durchziehen, so lange es geht.

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