28/03/2019

Kuniri - Mode von Geflüchteten

Eva Schatz & Viola Zimmer

An jedem Kleidungsstück arbeiten mindestens zwei Geflüchtete.“

Kuniri ist Label, Akademie und Werkstatt von geflüchteten SchneiderInnen und DesignerInnen an zwei Standorten: München und Berlin. Die erste Kuniri Kollektion wurde auf der Berlin Fashion Week gefeiert.

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PULS: Kuniri macht ganz schön bunte, ausgefallene Mode. Wie kreiert ihr den Stil?

Eva Schatz: An jedem Kleidungsstück arbeiten mindestens zwei Geflüchtete – also sind auch mindestens zwei kulturelle Einflüsse darin enthalten. Zusätzlich haben wir Einflüsse aus zwei Städten: Unsere Entwürfe entstehen in München und Berlin. In München arbeiten insgesamt fünf SchneiderInnen und DesignerInnen aus Syrien, Afghanistan, dem Senegal und Sierra Leone. In Berlin arbeiten insgesamt fünf SchneiderInnen und DesignerInnen aus Syrien, Afghanistan und Sierra Leone. Der jüngste Designer ist 23 Jahre und der älteste 55 Jahre alt.

Kuniri ist ja nicht nur Label, sondern auch eine offene Werkstatt und Akademie. Wie kam es zu der Kombination?

2014, als es damit losging, dass viele Leute nach Deutschland gekommen sind, habe ich eine Zeit lang in der Bayernkaserne in der Kleiderkammer mitgeholfen. Dort habe ich gemerkt, dass ich etwas Kreatives und Kulturelles mit Flüchtlingen machen will. Durch einen lustigen Zufall bin ich auf meine jetzige Geschäftspartnerin Viola gestoßen, die in Berlin die Geschäfte leitet. Wir fanden uns super und haben beschlossen, gemeinsam etwas zu machen. Was genau war noch unklar.

Ich hatte weder einen Näh- noch einen Gründer-Background. Glücklicherweise haben wir Emine kennengelernt. Sie ist Schneidermeisterin und Designerin und hat vorgeschlagen: Lass uns Nähkurse anbieten! Also haben wir damit angefangen eine offene Werkstatt für jedermann aufzubauen, wo man sich unverbindlich ausprobieren kann. Sie funktioniert wunderbar. Die Werkstatt ist auch ein Raum für Begegnungen zwischen Kulturen geworden. Dann kam die Akademie dazu, ein dreimonatiger Kurs, den die Teilnehmer mit einem offiziellen Zertifikat von der Handwerkskammer und von Kuniri abschließen. Und als dritte Säule arbeiten wir seit 2018 an unserem Label.

Wo konntet ihr eure Werkstatt aufbauen?

Zur Gründungszeit gab es im Norden von München in Freimann ein großes Zwischennutzungsprojekt, das BieBie. Zehra Spindler, die Betreiberin, fand meine Idee super. Sie hat mir Räume zur Verfügung gestellt. Mittlerweile sind wir im Münchner Kreativquartier untergekommen. In Berlin sitzen wir in Friedrichshain.

Woher hattet ihr die Nähmaschinen?

Ganz am Anfang hatten wir gar nichts. Wir haben dann auf Facebook rumgefragt und ein paar Nähmaschinen aufgestellt. Dann hat sich unser Projekt rumgesprochen, es gab ein paar Presseartikel. Plötzlich haben wir Spenden von überall her gekriegt: Nähmaschinen, Stoffe, Garne und mehr.

Wer belegt die Akademie-Kurse?

Zwischen acht und zwölf Geflüchtete aus verschiedenen Ländern und Altersgruppen. Am Anfang waren wir noch recht offen und haben auch mehr Anfänger aufgenommen. Aber da unser Kurs keine komplette Ausbildung ersetzen kann, hat sich das als nicht sinnvoll herausgestellt. Jetzt unterrichten wir vorrangig Leute die sich entweder autodidaktisch das Nähen gut beigebracht haben oder die einen professionellen Hintergrund mitbringen. Wir helfen dabei, dass sie in dieser Branche in Deutschland Fuß fassen können. Von den Inhalten her orientieren wir uns am ersten Ausbildungsjahr einer Schneiderlehre. Aber vor allem vermitteln wir Kenntnisse zu den hiesigen Standards: Das deutsche Vokabular, die gängigen Techniken und Gepflogenheiten.

Mode von Kuniri

Wie finanziert ihr euch?

Bislang hat uns Burda gesponsert – das läuft aber bald aus. Zusätzlich bekommen wir Spenden und Fördermittel. Und wir haben ein großartiges Netzwerk an tollen, professionellen Leuten, die uns unterstützen. Zum Beispiel Fotografen, Visagisten, Modelagenturen. Für die erste Kollektion unseres Labels starten wir demnächst eine Crowdfunding-Kampagne. Unser Ziel ist, dass alle, die beim Label mitwirken, damit Geld verdienen: Eine Beschäftigung, mit der jeder auch seine Sozialabgaben bezahlen kann. Wir möchten den Leuten eine Sicherheit bieten.

Wie gestaltet sich der Übergang in ein Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis?

Mode von Kuniri

Den darf man echt nicht unterschätzen. Die Menschen haben sehr unterschiedliche Bildungshintergründe, manche haben gar keine Schule besucht. Unser Ausbildungssystem ist aber sehr verschult. Jemanden, der die Sprache noch lernen muss, darauf vorzubereiten, ist nicht ohne. Für junge Leute gibt es mehr Programme. Für Ältere, die schon im Berufsleben stehen, ist es schwieriger. Ein großes Problem ist für viele Leute auch der Schritt vom Jobcenter in die Arbeitswelt. Der ist irre schwierig. Oft hängt es auch vom guten Willen der Sachbearbeiter ab.

Wohin verschlägt es die Leute nach dem Kurs?

Manche fangen in Änderungs-Schneidereien an. Andere erkennen, dass sie doch einen anderen Beruf ergreifen wollen. Eine ehemalige Teilnehmerin etwa macht jetzt eine Kinderpfleger-Ausbildung. Die Mode- und Textilbranche ist keine einfache Branche – das darf man nicht vergessen. Einige machen sich auch selbstständig. Zum Beispiel Mohamed. Bei ihm läuft es sehr gut. Er arbeitet unter anderem mit einem Münchner Designer zusammen.

Mode von Kuniri

Aber nicht jeder Aufenthaltsstatus beinhaltet überhaupt die Erlaubnis, sich selbstständig zu machen. Da gibt es große Hürden. Bei manchen, die wir jetzt auch schon über Jahre begleiten, verbessert sich die Situation einfach nicht – das ist zum Verzweifeln. Sie sind frustriert und das äußert sich auch irgendwann körperlich. Es kam neulich wieder ein Teilnehmer, der eigentlich nichts lieber möchte als regelmäßig zu arbeiten und seine Familie zu unterstützen. Momentan ist er aber nur noch von Kopfschmerzen geplagt, weil er nicht weiß, wie es weitergeht. Man unterschätzt es, wie lange es dauert, um hier richtig anzukommen. Gerade deswegen sind die Leute bei uns: Um abseits des Systems unter zugewandten Menschen einfach mal wieder kreativ zu sein und etwas zu schaffen.

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