02/08/2016

Jessica Dettinger, 33
form of interest
Unisex-Mode aus München

„Mich interessiert nicht, wie Kleidung den männlichen oder weiblichen Körper nachformt.“

Weite Pullover, glitzernd oder mit Einhörnern, rosa Jacken für Männer und tiefschwarze, breite Hochwasserhosen - das ist form of interest, konzeptionelle Mode der Designerin Jessica Dettinger. Die Münchnerin leitet ihr Label neben einem Vollzeitjob bei BMW – weil sie es liebt, in Form von Kleidung den Zeitgeist zu kommentieren.

Sophie Wanninger

PULS: In deinen Kollektionen machst du keinen Unterschied zwischen Männer- und Frauenmode. Was reizt dich an unisex?

Thomas GothierJessica Dettinger: Es ist ein Teil von mir und kommt glaube ich aus meiner eigenen Jugend. Ich habe zum Beispiel immer schon gerne Sakkos getragen, auch dann als es noch nicht so angesagt war. Mich interessiert, was Kleidung und Stoffe und Proportionen mit dem Körper machen, und nicht wie Kleidung den männlichen oder weiblichen Körper nachformt. Ich habe mich immer gefragt, warum Frauen in ihren Kleidern sexy sein sollen. Ich fand´s immer besser einen Menschen anzuziehen, ob´s ein Mann oder eine Frau ist, war mir dabei relativ egal.

Deine Kollektionen sprechen ja einen ziemlich speziellen Geschmack an. Für wen machst du Mode?

Mode stellt für mich einen Kommentar zum Zeitgeist und eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen dar. Die Kleidung ist dabei das Medium der Mode. Deswegen heißt mein Label auch Form of interest – also eine Form des Interesses für gesellschaftliche Strömungen, meine Kleidung ist mein eigener Kommentar dazu. Ich mache also Mode für alle, die sich für meinen Kommentar zum Zeitgeist interessieren. Aber auch für Menschen, die Interesse an Unikaten haben, also an Kleidung, in die ich wirklich Herzblut investiert habe.

Raphael KromeWas hältst du vom Thema Nachhaltigkeit in der Mode? Ist die bei der Auswahl deiner Stoffe wichtig?   

Ich empfinde das Thema Nachhaltigkeit als sehr wichtig, stelle es aber nicht in den Vordergrund. Ich finde, dass wir in einer sehr überzogenen Zeit leben, wo diese Bezeichnungen so als Labels auf Produkte geklebt werden. Hier bio, da vegan, da vegetarisch, da öko. Für mich sind diese Labels mittlerweile vor allem ein großes Marketingtool und  das möchte ich nicht unterstützen. Natürlich suche ich aber meine Stoffe gezielt aus. Ich kaufe keine Stoffe, die irgendwo billig produziert wurden,  sondern kaufe sie bei einem Händler, der früher selbst Stoffeinkäufer für eine bekannte deutsche Marke war.  Ich lasse nicht in Massen produziere und stelle auch alles selber her. Es gibt bei mir keine großen Fahrtwege, ich lasse nicht in Billigproduktionsländern für mich nähen. Das ist meine Art der Nachhaltigkeit.

Raphael Krome 3Berlin ist ja eigentlich die deutsche Stadt, die Kreative in der Mode anzieht. Warum hast du dich entschieden in München zu leben?

Das Schöne an München ist, dass es so unaufgeregt ist. Was ich an Berlin nicht mag, ist, dass jeder dort denkt, er könnte die Welt neu erfinden. Am Ende des Tages wird aber einfach nur sehr viel geredet und es passiert wenig. Gerade weil die Kreativszene in München klein ist und weil viele schimpfen, dass hier nichts passiert, sind die Leute sehr engagiert, weil sie wissen, dass sie sich dahinter klemmen müssen, wenn sie was im kreativen Bereich machen wollen.

Gunnar LillehammerDu arbeitest in Vollzeit bei BMW als Designerin. Wie bekommst du die beiden Jobs unter einen Hut ?

Ich sage immer Form of interest ist mein Erstjob und BMW mein Zweitjob, obwohl es rein zeitlich eigentlich anders herum ist. Aber im Kopf stimmt die Reihenfolge, auch wenn ich die Arbeit bei BMW sehr schätze. Die Arbeit bei BMW lässt mich bei Form of interest aber einfach auch so hungrig bleiben, weil ich mich nicht den ganzen Tag damit beschäftige. Für mich funktioniert das System zwei Jobs zu haben, weil es eine sehr große Ausgeglichenheit bringt. Auf der einen Seite finanzielle Sicherheit. Und auf der anderen Seite eben durch diese Sicherheit auch eine größtmögliche Freiheit, um mit Form of Interest nur das verwirklichen zu müssen, was ich wirklich will.

Kerstin KopfForm of interest ist ja ursprünglich als Bewerbungsprojekt für eine Designschule in London entstanden. Warum hast du dich trotz Zusage doch gegen das Studium entschieden?

Ich habe für mich festgestellt, dass ich in den letzten zwei Jahren schon sehr viel auf eigene Faust erreicht habe und auch die Reichweite meines Labels stetig gewachsen ist. Natürlich ist das Label noch nicht riesig, aber ich habe auch nie vor gehabt die große Kariere zu machen. Auch weil Studium und das Leben in London sehr teuer sind, habe ich mich dafür entschieden, dass es mir mehr bringt, wenn ich an meinem Labelprojekt hier weiter mache. Form of interest ist mittlerweile eine Herzensangelegenheit für mich, die ich für das Moloch von London und dieses fashion business nicht aufgeben wollte. Ich bin in einem Alter, in dem ich mir die Dinge auch gut selber erarbeiten kann. Ich wollte mich nicht blenden lassen von der Aussicht, dass ich jetzt der Superstar werde, nur weil ich auf dieser Schule studiere.

Raphael Krome 2Ist deine Entscheidung auch eine Absage ans Modebusiness an sich?

Nein, es ist vielmehr eine Zusage. Es ist nur eine Absage an die gängigen Formen dorthin zu kommen. Ich bin zwar eine große Kritikerin des Modesystems, weil ich es nicht gut finde, wie es sich entwickelt hat. In meine Kritik schließe ich auch solche Modeschulen mit ein: Wenn man so viel Geld zahlen muss, um überhaupt Mode studieren zu dürfen, dann entspricht das nicht meiner Philosophie von Mode, die sich am Menschen orientiert. Die Modewelt verkommt teilweise zu einer sehr exklusiven Scheinwelt in denen Oberflächliches zu viel Bedeutung hat. ich glaube, dass ich mit meiner Leidenschaft und Aufgeschlossenheit gegenüber Menschen auch weiter kommen kann. Zwar in kleinen Schritten. Aber mir reicht es auch, wenn ich nur einen kleinen Kreis an Menschen mit meiner Mode erreiche. Und ich muss nicht die ganze Welt erreichen.

Sorry, zur entsprechenden Suchanfrage konnte leider kein Ergebnis gefunden werden.