14/10/2016

Marcus Scheinpflug, Amalie von Schubert, Marlene Neumann
Concrete
Junge Zeitung für München

„Dass Print-Medien am Aussterben sind, das bekommen wir schon auch mit“

Die meisten jungen Leute lesen mittlerweile mehr in Blogs und Sozialen Medien, als in Zeitschriften und Zeitungen. Marcus, Amalie und Marlene aus München setzen trotzdem auf Print - und haben eine neue junge Zeitung für ihre Stadt herausgebracht. Concrete funktioniert eher wie ein analoger Blog und will die soziale, kulturelle und kreative Vielfalt der Stadt vorstellen. Dafür arbeiten sie eng mit vielen Designern, Fotografen und Künstlern zusammen.

tryptichon

PULS: Wie kommt man in der heutigen Zeit, in der Print-Medien mehr und mehr aussterben, auf die Idee, eine Zeitschrift machen zu wollen?

Marcus Scheinpflug: Wir sitzen den ganzen Tag vor dem Computer und haben ständig nur noch mit Kurzlebigem zu tun. Es gibt immer mehr Müll und es wird nicht mehr eingeordnet, alles die gleiche Wertigkeit. Das alles ist ein riesiger Haufen, wobei nichts mehr aussortiert wird. Da haben wir gesagt, wir machen etwas, das wieder eine Wertigkeit hat – wenn man umblättert ist der Content noch da, der ist nicht weg, wie auf Facebook. Wenn du dort drei Tage später was suchst, dann findest du es nicht mehr.  Wir wollen eine Wertigkeit haben und wir wollen Content, der sortiert ist und der auch präsentiert wird und nicht einfach hingeworfen. Das war uns wichtig bei der ganzen Sache.

Das Magazin gibt es ja für umsonst. Wie findet ihr denn Leute, die für euch ohne Bezahlung arbeiten?

Marcus: Ich glaube, die finden wir nicht, die concrete4kommen von selbst. Am Anfang haben wir erst mal im Freundeskreis geschaut, wer schon was macht oder wer Bock hat, sich mit Leidenschaft zu engagieren. Die meisten Leute bei uns veröffentlichen schon irgendwo oder haben Blogs im Internet, aber denen fehlt oft die Inspiration, die Reichweite oder ein Netzwerk – und die geben wir ihnen. Ich glaube, dadurch kann man auch nicht sagen, dass sie es wirklich umsonst machen. Ich sage immer gern: Es ist zwar gratis, aber nicht umsonst! Jeder profitiert davon, ein junger Schreiber oder Fotograf, der seine Arbeiten Veröffentlichungen nennen kann, hat auch schon gewonnen.

So eine Zeitschrift herauszubringen kostet allerdings auch viel Geld – wie finanziert ihr euch ?

Amalie von Schubert: Bei uns ist es so, dass wirklich alle ehrenamtlich mit dabei sind. Wir werden eigentlich nur mit  Spaß und Feedback bezahlt, weil wir wirklich unglaublich nette Mails und auch Fotos zugeschickt bekommen. Das einzige, was wir unbedingt erreichen wollen, ist, dass der Druck finanziert wird – durch Werbeträger, durch Leute oder große Unternehmen, die wir unterstützen wollen und mit denen wir zeigen können; hey, wir haben eine unglaublich coole Stadt, mit coolen Leuten, mit coolen Start-Ups, die gefördert werden sollten. Aktuell haben wir jetzt auch unser Crowdfunding am Start, weil wir unsere Zeitschrift nicht nur über Cafés oder Restaurants an den Mann bringen wollen, sondern eben auch über den sogenannten „stummen Verteiler“, also Zeitungskästen, wie sie die Tageszeitungen haben. Damit hätten wir feste Plätze, die für jeden zugänglich sind und wo jeder weiß: da kann ich hinlaufen, da krieg ich das Magazin. Über das Crowdfunding sammeln wir also gerade genau dafür Geld, für den Druck und für die Aufsteller. Das ist auch Teil unseres Finanzierungsplans, dass die Leser die Zeitschrift umsonst bekommen und wir unseren Spaß haben, aber trotzdem nicht auf den Kosten sitzen bleiben.

Marcus: Da geht es auch um die Wertigkeit der Verteilung. Denn wenn die Zeitschrift irgendwo rumliegt denkt man, das ist Müll, das ist Werbung, das ist umsonst. Wir wollen Concrete in diese Zeitungskästen bringen, damit die Leute den Wert erkennen und die Zeitung nicht irgendwo vom Boden aufheben müssen. So würde das für mich auch nur Sinn machen, dass man die Artikel und die Leute würdigt, die sich dafür den Arsch aufreißen.

Ist deswegen auch das Design so wichtig bei euch?

Marcus: Da haben wir verschiedene Ansätze ausprobiert. Wir haben zunächst versucht, die Kästen irgendwie über Unternehmen zu finanzieren, aber das war concrete3schwierig, weil es einem bei allem was öffentlich zugänglich ist, untersagt ist, Kooperationen zu machen. Deshalb haben wir beschlossen, wir machen „Art-Kästen“, die von verschiedenen Künstlern, Graffiti- oder Street-Artists immer wieder neu gestaltet werden. Das Schöne an dem Projekt ist, dass es nie einen Plan gegeben hat. Wir haben irgendwann damit angefangen und dann hat sich das entwickelt. Nur dadurch, dass wir gemerkt haben, was nicht geht, haben wir gesehen, was eigentlich geht. Es gab also nie diesen Punkt, an dem wir gesagt haben: wir machen jetzt einen Vier-Monats-Plan und nach diesen vier Monaten müssen wir soweit gekommen sein. Wir sind an Grenzen gestoßen und dann haben wir anders weitergemacht. Jeder von uns hat einen Job, arbeitet sechs oder sieben Tage die Woche und deshalb ist es sowieso ein Wunder, dass wir überhaupt so weit gekommen sind.

Wie kann man denn auch jüngere Leute, die eher im Netz unterwegs sind, dazu bewegen, die Zeitschrift zu lesen?

Marlene Neumann: Wir versuchen natürlich auch, bei Social Media am Start zu sein – wir haben ein Instagram-Profil, wir sind auf Facebook – was wir aber nicht verfolgen, ist, dort alle Artikel zu posten. Wir haben aber ein paar Guerilla-Aktionen gemacht, wo wir zum Beispiel  an der Isar ein paar Sitzbänke aufgestellt haben, wo die Leute sich wahnsinnig gerne hingesetzt haben. So catchen wir natürlich auch die jüngeren Leute. Wenn wir sagen können, wir haben eine coole Berichterstattung über ein Festival oder über DJs, die auch Jüngere ansprechen, dann versuchen wir die damit wieder auf einer bestimmten Ebene abzuholen, ohne damit den Schwerpunkt auf Social Media zu legen.

Marcus: Ich habe auf jeden Fall gemerkt, dass die Zielgruppe eine ganz andere ist, als ich dachte. Die Leute, die uns wirklich E-Mails schreiben oder lesen, das sind concrete5teilweise Kulturbürger ab 40 und älter. Und eher Frauen. Das ist wie überall: Die Mädels tragen das nach Hause in die Küche und dann schauen sich das die Jungs erst an. Die würden es wegschmeißen auf dem Weg nach Hause vom Feiern. Wir sagen: Concrete ist wie einer analoger Blog. Alles, was du darin findest, ist, wie wenn du auf Facebook guckst – du definierst selbst, ob dir das gefällt oder nicht und ob du die Zielgruppe bist. Unser Magazin ist auch kein Produkt, das eine konkrete Zielgruppe braucht, weil wir es nicht verkaufen wollen. Wir wollen keine target group – vom Obdachlosen bis zum Juppi ist alles dabei.

Was war bisher der härteste Part beim Entwickeln der Zeitschrift?

Marlene: Das Allerschwierigste ist einfach die Finanzierung. Wir sind zur Stadt gegangen und zu verschiedenen Förderungen und entweder hieß es dort: Print
wird nicht mehr unterstützt, weil es am Aussterben ist, oder es hieß: das Projekt hat schon begonnen, wir können euch nicht mehr unterstützen. So mussten wir uns von Ausgabe zu Ausgabe hangeln und haben irgendwann gesagt: Okay, entweder machen wir das jetzt ganz oder gar nicht. Der Aufbau des Teams war dagegen mit das Einfachste, weil jeder jemanden kannte, dann kam noch ein Bekannter dazu und noch einer und am Ende sind wir quasi eine kleine Familie geworden, die immer weiter wächst. Und auch der Content ist immer wahnsinnig schnell da, meistens müssen wir sogar immer nochmal was rausschmeißen. Aber ich würde sagen, dass Print-Medien am Aussterben sind, das bekommen wir schon auch mit.

Marcus: Das mit den Förderungen ist auch ein concrete6interessantes Thema, denn ich war diversen Kreativ-Förderungen, beim Kreisverwaltungsreferat und wer weiß wo noch. Am Ende haben mir alle durch die Blume gesagt, dass ich sie anlügen soll, dann bekomme ich vielleicht in einem Jahr Geld. Ich sollte ein Printprojekt als etwas anderes verkaufen, also als das Kulturprojekt dahinter. Wenn man damit genügend Phasen durchsteht, dann kann es sein, dass man Geld bekommt. Oder ich sollte es als Innovationspreis Bayern anmelden. Das ist wirklich völlig vorbei am Thema, das ist völlig stupide.

Marlene:: Ja, das ist Kultur schröpfen und nicht Kultur fördern.

Marcus: Und dann wurde mir von Förderungen der Stadt gesagt: Print wird nicht gefördert. Aber die städtischen Einrichtungen, die rund  50 Millionen kriegen im Jahr, die sind durch Anzeigenschaltung dafür verantwortlich, dass wir finanziert werden. Ich sollte mich also bitte an die wenden. Als ich dann bei verschiedenen Theatern angerufen habe und weitergegeben habe, was die Stadt mir gesagt hat, haben die auch nur gemeint: Bist du bescheuert?

Wie geht es im besten Falle weiter für Concrete?

concrete8Amalie: Wir haben unser Crowdfunding-Ziel erreicht und so zumindest unsere Verteilungswege gesichert. So dass wir unabhängig weiterarbeiten dürfen und den Journalismus betreiben können, den wir möchten. Und uns eben nicht verkaufen und prostituieren müssen.

Marcus: Ziele wären, dass die Zeitschrift monatlich erscheinen kann, dass es sie auch in anderen Städten geben wird und dass es irgendwann jemanden gibt, den wir dafür bezahlen können, dass Concrete auch am Leben bleibt. Ich habe selbst eine Agentur, um die ich mich kümmern muss und kann das auch nicht 24/7 machen, wie ich es in den letzten Wochen gemacht habe. Wir brauchen jemanden, der sich um das große Ganze kümmert. Langfristig haben wir vor, dass Concrete eine Art Plattform wird, um die man Ausstellungen drum herum machen kann, die man wieder in der Zeitschrift verwerten kann. Man kann Konzerte machen, man kann junge Unternehmen mit alten Unternehmen vernetzen. Man kann eigentlich dieses München, das ja ein Dorf ist, wieder näher zusammenbringen. Und das ist, glaube ich, das Schöne daran.


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