17/11/2017

Marcel-André Casasola Merkle (40) & Agnes Lison (39)
Casasola Merkle & Agli Design
Indie-Spiele mit Grips aus München

„Das Schöne ist prinzipiell, dass man als Spieleentwickler überall arbeiten kann – und ich bin einfach gerne hier.

Eigentlich hat alles mit Karten und Brettspielen angefangen. Seit drei Jahren entwickelt Marcel-André Casasola Merkle aber auch Computerspiele, zusammen mit seiner Frau Agnes Lison. Ihre ersten beiden Games haben prompt den Computerspielpreis abgeräumt.

 

PULS: Marcel-André, wie kommt man darauf, Spieleentwickler zu werden?

Marcel-André: Ich mochte Spiele schon immer sehr gerne, sowohl Brettspiele als auch Computerspiele. Aber ich bin jetzt 40 und damals gab’s ja noch nicht so viel. Ich hab meinen ersten Computer auch erst relativ spät gekriegt. Also hab ich mich an den Tisch gesetzt, Papier und Karton in die Hand genommen und Sachen ausgeschnitten und aufgemalt – und anfangs auch versucht, Computerspiele zu simulieren. Ich war zum Beispiel großer Fan von Spielen wie Maniac Mansion, also Adventure-Spielen am Computer, aber die konnte ich immer bloß bei einem Kumpel spielen. Zu Hause habe dann das Haus und die Figuren aufgemalt und und mir vorgestellt, wie man das als Brettspiel umsetzten könnte. Und auch bei ganz normalen Brettspielen habe ich immer rumüberlegt: Was könnte man da lustiger oder besser oder interessanter machen?

Agnes, hast du, bevor du Marcel-André kennengelernt hast, schon was mit Spielen zu tun gehabt?

Agnes: Wenig. Ich hab mich sehr für interaktive Sachen interessiert, also ich mochte schon immer die Schnittstelle zwischen Technik und Gestaltung, kam aber jetzt nicht so nah an die Spiele heran, das entstand in der Tat erst durch Marcel.

Auf welche Schwierigkeiten bist du nach dem Wechsel von analogen zu digitalen Spielen gestoßen?

Marcel-André: Es ist immer schwer, ein Projekt zu finden, das einen nicht überfordert. Wir sind ja ein ganz kleines Team. Manchmal arbeite ich alleine, meistens aber mit Aga (Agnes, Anm. der Redaktion) zusammen, die sich dann um die Grafik kümmert und die Art Direction macht. Und dann was zu finden, das man mit so einem kleinen Team stemmen kann – das ist schwierig. Man hat ja immer so große Träume, was man alles in so ein Spiel packen möchte.

Agnes, kam Marcel mal mit einer Idee zu dir und du hast gesagt: Wie sollen wir das denn zu zweit machen?

Agnes: Ja. Eigentlich fast jedes Mal (lacht). Und dann probiert man es einfach aus. Das tragische am Spiele entwickeln ist: Man muss es immer erst ausprobieren. Manchmal probiert man sehr lange an einer Idee herum und stellt erst am Ende fest, dass es nicht funktioniert. Das muss man überwinden, das gehört einfach dazu. Sehr, sehr viele Projekte sind irgendwann im Mülleimer gelandet , weil wir festgestellt haben: Nee, das lohnt sich nicht wirklich.

Was war euer bisher schönster Moment in eurer Zeit als Spiele-Entwickler?

Agnes: Für mich war’s mit „One Button Travel“ der Deutsche Computerspielpreis. Ich habe absolut nicht damit gerechnet. Wir sind hingefahren, ich fand alles super und schön, dachte es gibt Häppchen, großartig – und dann durften wir plötzlich auf die Bühne. Im Jahr zuvor haben wir ja schon den Preis für „Rules!“ bekommen (das vorherige Spiel der beiden, Anm. der Redaktion), daher war ich sehr überrascht. Das war toll, weil ich zum ersten Mal als Autorin mit dabei war. Auch um zu merken, dass die Sachen, die man macht, irgendwo, irgendwie wertgeschätzt werden.

„One Button Travel“ ist euer aktuellstes Spiel. Worum geht‘s? 

Marcel-André: „One Button Travel“ ist eine Art Text-Adventure, so eine Art Chat. Man spricht mit einer anderen Person, die man nicht kennt. Die schreibt einen in dieser App an, und man kann darauf antworten. Und so spinnt sich recht schnell eine sehr mysteriöse Geschichte zusammen. Im Grunde geht es bei dem Spiel darum, herauszufinden: Was passiert dieser anderen Person? Kann ich ihr irgendwie helfen, dadurch, dass ich ihr Sachen schreibe. Und, ja, ich hoffe, dass man sich relativ schnell an diese Person gewöhnt, mit ihr mitfühlt und versucht, das Beste aus der Situation zu machen.

Agnes: Im Laufe der Geschichte stellt sich heraus, dass die Person eine Zeitreisende oder ein Zeitreisender ist. Als wir dieses ganze Spiel entwickelt haben, entstanden auch seltsame Parallelen zu unserem Leben, zu dem Leben anderer Menschen, parallel war auch der Syrienkrieg sehr extrem in den Nachrichten und sehr viele Menschen haben sich auf den Weg nach Europa gemacht. Ich selbst bin in Polen geboren und kam mit zehn Jahren nach Deutschland. Viele dieser Aspekte sind in das Spiel mit eingeflossen. Das heißt, es geht darum, dass man aus einer anderen Welt, aus einer anderen Gesellschaft irgendwo ankommt, wo es für einen fremd ist und man sich erst mal zurechtfinden muss. Und man wird nicht unbedingt gewollt, es ist nicht gerade schön in dieser neuen Welt.

Woran arbeitet ihr momentan?

Marcel-André: Also ich bin gerade dabei, verschiedene Ideen zu kneten, zu formen, es ist aber noch nicht ganz klar, wo genau es hingeht.

Agnes: Ich mache gerade andere freie Projekte. Das passiert ja auch, dass wir ab und zu einfach getrennte Wege gehen, und wenn es sich wieder ergibt,  wieder ein Projekt zusammen machen.

Das heißt, obwohl ihr mit „One Button Travel“ das erste Mal ein Spiel ja wirklich von vorne bis hinten zu zweit entwickelt habt, plant ihr nicht explizit die Zukunft zusammen?

Marcel-André: Das ist immer so eine Finanzierungssache. Das heißt: So ein Spiel muss man erst mal durchfinanziert haben, wenn man damit beginnt. Und dann ist die Frage, ob wir uns das überhaupt leisten können, zusammenzuarbeiten.

Agnes: Das Spiel bezahlt uns danach vielleicht. Und wenn es uns nicht bezahlt, müssen wir danach einfach wieder Geld verdienen.

Ihr habt Spiele von euch über das Studio „Coding Monkeys“ veröffentlicht. Wie sieht die Partnerschaft zwischen euch aus?

Marcel-André: Ich habe eine Zeit lang für die Coding Monkeys Freelancer-Arbeiten übernommen und da kam der Kontakt zustande. So haben die Coding Monkeys die letzten beiden Spiele von uns veröffentlicht. Wir haben sie komplett gestaltet und fertiggemacht und die Coding Monkeys haben uns dann geholfen, Presse zu machen, den Support zu machen und es eben auch in den App-Store zu bringen. Das war eine sehr coole Zusammenarbeit.

Wir sitzen hier in einem Altbau-Büro, aber nicht in Berlin, sondern in München. Warum?

Agnes: Das ist eine sehr gute Frage. Wir haben erstaunlicherweise für die Münchner Verhältnisse eine große und billige Wohnung. Altbau, schön, zwar kein Balkon, aber bezahlbar.

Das heißt, es ist die Miete?

Marcel: (lacht) Ja, sozusagen. Naja, Berlin hat seine Vorteile. Es war für mich immer so eine gewisse Hassliebe mit Berlin. Auf der einen Seite super spannend, auf der anderen super anstrengend. Und in München ist das Leben halt nicht so anstrengend, finde ich. Das Schöne ist prinzipiell, dass man als Spieleentwickler überall arbeiten kann – und ich bin einfach gerne hier. München selbst hat außerdem das „Werk 1“, wo sehr viele Veranstaltungen rund um Computerspiele stattfinden. Da kann auch jeder einfach hingehen und sich das angucken – da gibt’s wirklich sehr, sehr spannende Dinge. Einmal mehr gibt es das Gamecamp. Insofern, ist das schon ein Vorteil, als wenn ich jetzt irgendwo in einem kleineren Ort wohnen würde.


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