04/10/2015

Franziska Zuber (31)
Fransik
Handgenähte Spitzen-Dessous aus Landshut

„Ich heiß‘ ja auch Zuber mit Nachnamen, wie der Waschzuber – da ist die Wäsche auch im Spiel.“

Nach dem BWL-Studium in Berlin hat es Franziska Zuber zurück in die Heimat verschlagen. Seit 2012 näht sie im Haus ihrer Oma in Kumhausen bei Landshut Dessous nach Maß aus feinster Spitze. Die tragen Frauen von Finnland bis Neuseeland.

Franziska Zuber

icon_interviewPULS: Du hast ja eigentlich BWL studiert – Wie bitte kamst du dann auf Dessous?

Franziska Zuber: Durch meine Diplomarbeit. Das BWL-Studium war trocken und langweilig. Ursprünglich wollte ich über Mode schreiben. Mein Professor hat mir dann vorgeschlagen, über Dessous im 20. Jahrhundert zu schreiben und inwiefern man die Gesellschaft an der Unterwäsche ablesen kann. Dadurch habe ich mich auch mit den Dessous von heute auseinandergesetzt und mir ist aufgefallen, dass wieder mehr gestützt und gepolstert wird. Das gefällt mir eigentlich gar nicht. Außerdem hab ich mit einer Freundin T-Shirts gemacht, also zerrissen oder irgendwie angemalt. Ich glaub es war diese Mischung. Ich habe meinen Job bei einem Internetversandhandel in Berlin gekündigt und bin zurück nach Bayern gegangen, hab mir Spitze gekauft und ganz einfache Modelle angefertigt. Nähen habe ich ja nicht gelernt.

Warum glaubst du, ist die Unterwäsche im Moment wieder so stark gepolstert?

Fransik - Model: Lisa Anselm; Fotograf: Michael MaginIch sehe das so: Wenn Unterwäsche im Trend ist, die den Körper stärker bedeckt, dann ist das ein Zeichen dafür, dass die Menschen sich unsicher fühlen, auch wirtschaftlich. Heute trägt man auf einmal wieder Taillen-Panties und ganz viel gepolsterte BHs. Das ist für mich ein Zeichen, dass die Menschen gerade wieder so ein bisschen nach Sicherheit suchen und das zeigt sich auch daran, dass sie gleich aussehen und sich anpassen wollen – durch diese starre Unterwäsche versucht man ja seinen Körper in eine Schablone zu pressen. In den 60ern, 70ern oder in den 20ern war das nicht so, da waren die Leute rebellisch und sind gegen die gesellschaftlichen Normen angegangen. Ich glaube es hat viel mit Selbstvertrauen zu tun, dass man sich mehr zeigt. Nacktheit ist ja auch Verletzlichkeit. Darum mach ich als Pendant zu den ganzen modellierten Geschichten eher was nacktes.

Das heißt du rebellierst eigentlich mit deiner Wäsche gegen unseren Einförmigkeitszwang?

Ein bisschen ist es Rebellion, aber auch nicht komplett. Dann dürfte man ja eigentlich gar keine Unterwäsche tragen. Spitze ist andererseits sehr traditionsbewusst, fast schon konservativ. Ich will auch die Weiblichkeit an sich rüberbringen, die weiblichen Rundungen. Das könnten man auch als konservativ bezeichnen. Ich finde es gut, wenn nicht alles Unisex ist, sondern wenn die Frau auch Frau ist.

Du hast in Berlin gelebt und gearbeitet. Warum bist du nicht dort geblieben?

Ich habe am Telefon in der Kundenreklamation gearbeitet Fransik - Model: Lisa Anselm; Fotograf: Michael Maginund festgestellt, dass diese strukturierte Woche nicht meins ist. In Bayern ist meine ganze Familie. Im Vergleich zu Berlin zahl ich hier kaum Nebenkosten. Dann habe ich auch noch von meiner Oma Geld geerbt. Und so ist das alles hier ins Rollen gekommen. Berlin ist schon eine tolle, freigeistige Stadt, aber sie war mir manchmal auch zu bedrohlich, die Leute zu aggressiv. Das hat mich auch genervt. Bayern ist das andere Extrem. Das nervt mich auch manchmal, aber irgendwie ist das doch meine Heimat.

Was bedeutet denn Heimat eigentlich für dich?

Heimat, das ist da, wo meine Familie ist. Ich wohne hier in dem Haus von meiner Oma, wo auch meine zwei Schwestern mit ihren Kindern und Männern wohnen.

Ihr wohnt alle zusammen in einem Haus?

Wir wohnen alle zusammen in einem Haus auf drei Etagen. Die Älteste wohnt unten, die Mittlere im ersten Stock und ich hab das Dachgeschoss. Das ist so ein 70er Jahre Haus mit einem großen Garten: auch was, was mir in Berlin gefehlt hat. Kannst zwar in den Park gehen, aber da bist du dann auch in der Öffentlichkeit. Und ich brauche schon meinen Rückzug.

Wo hast du eigentlich das Schneidern gelernt?

Fransik - Model: Lisa Anselm; Fotograf: Michael MaginMeine beiden Omas waren Schneiderinnen. Mit meiner Oma hab ich auch zusammen genäht, aber letzten Endes hab ich mir das selber beigebracht. Ich habe eine alte Nähmaschine von meiner Mama und da probiere ich rum. Mit 15 oder so habe ich einen Rock geschneidert und dann wollte ich für meinen Abi-Abschlussball ein Kleid aus Spitze nähen – das mit der Spitze zieht sich schon durch mein Leben. Und das Nähen liegt bei uns in der Familie: Ich heiße ja auch Zuber mit Nachnamen, wie der Waschzuber – da ist die Wäsche auch wieder im Spiel.

Deine Modelle heißen Charleston und  Arielle – wo findest du die Inspiration für deine Entwürfe?

Für meine Diplomarbeit bin ich auf Bilder von Charleston Tänzerinnen gestoßen. Mit diesen Hängerchen-Kleidchen, die ja relativ tief sitzen, gerade so über der Brustwarze. Und unten sind Fransen dran. Dann habe ich diese Wimpernspitze gesehen. Die hat auch so Fransen, das hat mich an die 20er Jahre erinnert. Und dann hab ich daraus ein Dessous-Set gemacht. Ich zeichne weniger, sondern probiere viel an der Puppe aus und überlege wie ich die Spitze in Form bringen kann, dass sie gut aussieht. Und die Spitze selbst ist auch inspirierend, wenn man sie dann am Körper sieht. Eigentlich wirkt sie erst, wenn sie getragen wird.

Du fertigst ja nach Maß an, erinnerst du dich an einen schwierigen Kundenwunsch?

Das Vegan Magazin wollte für ein Shooting verschiedene Dessous haben, weil meine Spitze auch vegan ist, unter IMG_5014anderem auch ein Set für Uta Melle. Sie hatte Brustkrebs und hat beide Brüste amputiert. Das war schon eine Herausforderung. Ich wusste nicht, wie ich das jetzt machen soll. Meist gibt’s ja nur so komische BHs für Leute, die einen amputierten Busen haben. Aber sie ist halt wirklich komplett flach und dann hab ich auch einen komplett flachen BH genäht. Da musste ich erst einen Zugang finden. Als ich die zwei Modelle dann auf dem Körper gesehen habe, dachte ich: Ich hätte da mehr Plastizität einarbeiten müssen, um Rundungen anzudeuten. Das hätte mir am Ende besser gefallen. Mit der eigenen Kritik umzugehen, ist die größte Herausforderung. Aber die Frage ist auch: Wem muss es gefallen? Uta Melle mochte das Ergebnis sehr und daraufhin hat mich eine andere Frau angeschrieben, die auch amputierte Brüste hat. Sie wollte auch ein Set von mir haben.

Sorry, zur entsprechenden Suchanfrage konnte leider kein Ergebnis gefunden werden.