04/10/2015

Tobias Förtsch (32) und Carsten Fichtel (32)
ad:acta
Taschen aus alten Aktenordnern

„Der Prototyp hat tatsächlich gut ausgesehen und wir waren auf einmal Taschendesigner.“

Carsten ist Maschinenbauer, Tobias ist Produktdesigner. Die beiden kennen sich schon seit ihrer Jugend. Eigentlich wollten die gebürtigen Bayreuther zusammen den ersten komplett nachhaltigen und schadstofffreien Kinderwagen auf den Markt bringen. Es sind dann doch klassische Aktentaschen für Männer geworden mit Namen wie Dienstweg, Diplomat und Assistent. Allerdings ziemlich coole - denn die Taschen bestehen aus ausgedienten Aktenordnern

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icon_interviewPULS: Ihr habt 2011 zusammen das Designbüro Casitoo in München gegründet, wie kamen die Aktentaschen dazu?

Carsten Fichtel: Das war einmal in der Mittagspause. Tobi ist schuld.

Tobias Förtsch: Ich hab eine alte Idee rausgekramt. Ich saß 2008 als Produktdesign-Student in Dresden in meinem WG-Zimmer und hab einen alten Aktenordner geleert. Den wollte ich erst wegschmeißen, dann hab ich mir überlegt, was man sonst noch damit anstellen könnte, weil solche Ordner ja oft noch neu aussehen. Carsten und ich haben uns erst einmal Stoffreste, eine Nähmaschine und viel Kleber besorgt. In einem nächsten Schritt haben wir dann einen Sattler zur Hilfe genommen, der uns gezeigt hat, wie man Leder vernäht. Der Prototyp hat tatsächlich gut ausgesehen und wir waren auf einmal Taschendesigner.

Wo lasst ihr die Taschen produzieren?

IMG_0879Carsten: Sehr wichtig war es uns von vorneherein, in Deutschland zu produzieren. Wir haben festgestellt, dass es bei Nähereien nur wenige Standorte gibt, die preislich für uns möglich waren. Dazu gehörten Sachsen, Thüringen und eben Franken. Die Nähe zu München ist für uns natürlich von Vorteil, weil die Wege relativ kurz sind und wir so leichter die Qualität überprüfen können.

Tobias: Die Näherei haben wir zufällig in unserer Heimat in Mistelbach bei Bayreuth gefunden. Es war gleich ein super familiäres Verhältnis. Das Rindsleder bezieht die Näherei aus Italien. Wir haben dadurch auch mehr Einfluss auf die Produktion. Und wir wissen, dass die Mitarbeiter gut behandelt werden. Das ist ja in der Textilindustrie alles andere als selbstverständlich.

Und woher bezieht ihr die alten Ordner?

Tobias: Die kriegen wir von größeren Unternehmen, Schulen und Unis. Die rufen uns mittlerweile sogar an, bevor sie die Diplomat braun01Aktenordner entsorgen. Wir fahren dann da hin und sortieren die aus, die noch gut in Schuss sind. Manche Aktenordner sind gerade mal zehn Jahre alt, andere stammen aus den 70er Jahren. Die Etiketten lassen wir so, wie sie sind. Das heißt auf jeder Tasche, die wir produzieren, steht was anderes drauf. Das ist nicht nur individuell, der Käufer weiß dadurch auch oft, in welchem Schrank dieser Aktenordner mal stand, das können schon mal Anordnungs- und Buchungsbelege der Regierung von Oberfranken sein.

Carsten: Dahinter steckt auch der Grundgedanke, dass man nicht immer gleich alles wegschmeißen muss. Viele dieser Ordner sind auch nach Jahren kaum beschädigt. Es wurde nicht nur ein enormer Aufwand betrieben, diese Aktenordner zu fertigen. Es ist auch ein enormer Aufwand, die zu entsorgen. Die müssen erst einmal vom Metall befreit werden, bevor die Pappe ins Altpapier kommt.

Ihr habt euch quasi direkt nach dem Studium selbständig gemacht, ad:acta gibt es jetzt seit ungefähr viereinhalb Jahren. Welche Tipps habt ihr für andere junge Gründer?

Tobias: So früh wie möglich mit der Idee rausgehen, den Kunden kennenlernen, Feedback einholen, nicht zu ängstlich sein. Unser größter Fehler am Anfang war, dass wir alles selbst gemacht haben. Wir haben Maschinenbau und Produktdesign studiert, haben dann aber auf einmal vom Design übeIMG_1222r den Vertrieb über die Akquise über die Kundenbetreuung über den Versand über die Buchhaltung
alles selbst gemacht, weil wir nichts aus der Hand geben wollten. Vor allem aber, um Kosten einzusparen. Im August 2012 hat es den ersten Fernsehbeitrag über ad:acta gegeben. Plötzlich hatten wir Erfolg, es gingen unzählige Bestellungen ein. Das war natürlich großartig, aber wir waren auch gar nicht darauf vorbereitet. Wir sind mit der Produktion nicht hinterher gekommen. Die Lieferzeit hat bis zu zehn Wochen gedauert.

Carsten: Wir haben abgearbeitet, abgearbeitet, abgearbeitet und dann verpasst, an den Erfolg anzuschließen.

Tobias: Wir haben einfach geglaubt, uns kennt jetzt jeder und es funktioniert. Also noch ein Tipp: Niemals auf einem Erfolg ausruhen.

Ihr kennt Euch schon lange, hattet immer wieder die Idee, zusammen was aufzuziehen. Seid ihr eigentlich noch befreundet?

Carsten: Auf jeden Fall. Die Zusammenarbeit läuft gut. Klar
haben wir Meinungsverschiedenheiten, aber das ist normal. Verändert hat sich aber, dass wir unsere Freizeit, anders als früher, kaum noch gemeinsam verbringen. Dazu sehen wir uns einfach zu viel im Büro.

Tobias: Ich denke auch, dass es gut war, dass die Aufgabenverteilung in unserer Firma von vorneherein klar war. Carsten übernimmt als Maschinenbauer den technischen und rationalen Part, ich als Produktdesigner den gestalterischen.

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